Als ich meine ersten Zeilen zu Christian Boltanskis „Fiktionalisierung des Authentischen“ formuliere, trifft mich eine Frage: kann es fotografische Utopien geben? Wenn Fotografien die vergangene Geschichte eines anderen vorstellbar machen, ist es dann auch möglich einem Abbild etwas Optimistisches, Fantastisches, Räumliches, Zukünftiges abzuringen? Ist ein Foto – eine Landschaft oder ein Portrait – nicht zeitgleich hier und an einem ganz anderen Ort, nämlich im Betrachter, lebendig? Vielleicht lebt die Erinnerung an ein Foto sogar auf Lebzeiten in einem anderen fort. Fotografien sind Orte und gleichzeitig nicht-Orte, Räume und nicht-Räume, sie schaffen Identität und de-konstruieren sie. Sie sind unbestimmbare, bedeutungsoffene und in einem gewissen Sinne vergangenheitsbezogene Zwischenräume. Ist die Frage nach fotografischen Utopien also ein Widerspruch in sich?

Was wir sehen, blickt uns an“, schreibt der französische Kunsthistoriker Georges Didi-Huberman in Ähnlichkeit und Berührung, 1999. Fotografien fordern uns auf, sprechen uns an, lassen uns nicht mehr los, wenn wir nachts durch den Park streifen. Solange unsere Utopien in uns lebendig sind, werden wir sie wohl auch in und durch Fotografien finden. Ist es tatsächlich so einfach?

Wunschlos glücklich im Angesicht des Todes“ ist Christian Boltanski im Gespräch mit Heinz Norbert Jocks, anlässlich der Ausstellung „Personnes“ auf der Monumenta im Pariser Grand Palais 2010. Nachzulesen in: Kunstforum International, Bd. 201. März-April 2010. Seit ich mir in Anlehnung an Boltanskis Rekonstruktionsversuchen überlege, wie es wohl wäre, einen letzten Blick auf mein Leben als Künstlerin zu werfen, wird mir das Identitätskonstrukt und der Vergangenheitszwang, den fotografische Arbeiten evozieren, noch deutlicher bewusst. Ich versuche meine Gedanken zu beschwichtigen, in dem ich mir erkläre, dass die wesentlichen Anlässe für das Schaffen von Fotografien das Streben nach Identität und nach dem Vergangenen sind. Es ist uns wichtig etwas (uns selbst) festzuhalten, das gerade eben noch war und nun nicht mehr ist. Das Abbild ist zwar ein schwacher Trost in der Gegenwart, trotzdem ist es mächtig. Wie es war, wissen wir später nicht mehr. Die emotionale Spannung einer Situation ist nie mehr authentisch rekonstruierbar. Es ist interessant, wir sind wunschlos glücklich im Angesicht dieses bedeutungslosen Todes, den wir mit jedem Abbildungsversuch zu sterben bereit sind.

Andererseits, betrachte ich beispielsweise die Bewegungsstudien „Verhauen eines Kindes“, Lichtdruck aus dem Jahr 1887 von Eadweard Muybridge oder „Kopfkippe, durch auffliegende Taube gestört“, Lichtdruck, ebenfalls aus dem Jahr 1887 von Mybridge, dann wird deutlich, dass sie im Hinblick auf zukünftige, technologische Entwicklungen entstanden sind. Genau genommen wurden sie damals als „streng empirische, physiologische Untersuchungen zur Rationalisierung von industriellen Produktionsmethoden“ verstanden. (Vgl.: Fotografie und das Unsichtbare, Albertina 2009) Das nur, um dem fotografischen Vergangenheitszwang ein Gegengewicht zu geben und meine Frage nach der Utopie in der Fotografie nicht aus den Augen zu verlieren.

Als die „Visionen einer besseren Welt“ von Thomas Macho, Kulturwissenschafter und Direktor des IFK Wien, Anfang Februar 2017 in Ö1 erscheinen, lausche ich aufmerksam. Nach all der „Vergangenheit“ zeigt sich ein lang ersehntes Licht am Ende des Tunnels. Ebenso verhält es sich mit einem Gespräch von Martin Wassermair mit Carla Amina Baghajati zum Thema: Wer ist „wir“? – der Kampf um Identität, vom 27.02. 2017, dorfTV. Beide Beiträge machen Lust sich auf eine unvorhersehbare, optimistische Zukunft einzulassen. Trotz allem, sich von der „Krise“ nicht täuschen zu lassen. Das Mögliche bewusst machen und das Unmöglich denken und aussprechen.

In diesem Sinne erweitere ich heute meine russische Hängung zur Ausstellung OXYMORON – eine fotografische Annäherung an das Widersprüchliche, um meine Utopien. „Ab und zu“ aus der Serie „Spaces of Identity“ erzählt von der Denaturalisierung der Geschlechterkonstruktion. Im ersten Bild der Hängung „Wie es war, wissen wir nicht“ steht der Spiegel als Metapher der Konstruktion von Identität. In „Ab und zu“ übernimmt ein menschlicher Körper diese Aufgabe. Im einem scheinbar natürlichen Umfeld werden dem Körper spezifische, „natürliche“ Merkmale entzogen. Diesen beiden, auf die Konstruktion von Identität bezogenen, Arbeiten steht eine fiktive Stadtansicht aus der Vogelperspektive gegenüber. Vielleicht Manhattan in zwei Monaten oder in einer unbestimmten Zukunft. Die Fiktion verdichtet sich.

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Concrete Photography by Isabella S. Minichmair

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