Trauer braucht eine Heimat. Im Rahmen der Gedenkstelle für stillgeborene Kinder (Sternenkinder) in der Pfarre Dietach bestand, ähnlich wie für die Gedenkstätte in der Pfarrkirche Waldneukirchen, die Aufgabe einen öffentlichen Platz zu schaffen, der Innerlichkeit ermöglicht und an dem Trauernde im Moment des Schmerzes ihren leidvollen Erfahrungen und Gefühlen Ausdruck verleihen können. So entstand die Idee, der Weitläufigkeit des Friedhofes durch eine Glasstele und einer entsprechenden Bepflanzung entgegenzuwirken. Die Trauernden können sich hinter die Stele zurückziehen und in Ruhe auf einer Bank verweilen.

Aus dem ersten Gespräch mit dem Auftraggeber entstand ein Gedanke: „Aus deiner Mitte komme ich…“ und ein einfacher Entwurf. Die ersten Ideenskizzen gedeihen intuitiv, zumeist im kleinen Format, mit Farbstift und Wasserfarben.

Folgendes notierte ich nach Fertigstellung des Entwurfs in mein Skizzenbuch: „Das Gehalten-sein in der Mitte der Gemeinschaft wird durch ein Samenkorn und eine schützende Hand symbolisiert, die behutsam den Samen in die Erde legt. Aus dem unteren Teil der Glasstele wächst der zarte Keimling des Miteinanders zu einer starken Pflanze des Vertrauens in Gott aus unserer eigenen Mitte. Diese Kraft der Mitte wird in strahlenden Farben und lichtem Glas zum Ausdruck gebracht.“

Nach dieser Konzeption richtete sich dann die Farbauswahl der Gläser. Eine dynamische Farbgebung in chromatischen Intervallen entspricht auch allgemein meinen malerischen Farbvorstellungen. Sabine Habichler von der Glasmalerei Stift Schlierbach produzierte dann das Musterglas zur Glasstele.

Nebenbei blieb auch für mich Zeit weitere Mustergläser für kommende Projekte anzufertigen.

Nach einer letzten Entwurfsoptimierung und Farbbesprechung ging Thomas Stummer in der Glasmalerei Stift Schlierbach ans Werk. Zuerst mussten alle Glasteile, die später als klar motivische Figuration sichtbar sein sollen, zugeschnitten und sorgfältig aufgelegt werden. Was bei einer 2m² großen Glasfläche einiges an Zeitaufwand bedeutet.

Das Aufstreuen der sogenannten Glasfritten (in der Größe ähnlich wie Kristallzucker) bedarf großer Konzentration. Mit viel Können und Gefühl wurden im nächsten Schritt auf die zugeschnittenen Farbflächen Farbverläufe aufgestreut.

Nach dem Aufstreuen der Fritten wiegt das Glas je nach Entwurf ca. 150 – 200 kg. Um es in den Brennofen zu legen, müssen die Mitarbeiter_innen der Glasmalerei zusammenhelfen. Es darf kein einziges Glasteil, keine einzige Glasfritte verrutschen, was ebenfalls große Aufmerksamkeit und wie man an den Fotos sieht, auch Akrobatik verlangt. Es herrschte große Erleichterung, nachdem das Glas in den Ofen sachgemäß eingelegt war.

Nun bereiten letzte Handgriffe von Sabine Habichler einen 48 Stunden Brand bei rund 800 – 900 °C vor. Glasfusing nennt sich diese alte Technik, die seit rund 2300 Jahren bekannt ist. Das Ergebnis ist für mich jedes Mal aufs Neue faszinierend. Wenn der Ofen geöffnet wird, zeigt sich die gesamte Farbenpracht des Objekts.

Das Glas wird nun gereinigt und nach einer künstlerischen Besprechung auf eine weitere Schicht aus Sicherheitsglas auflaminiert, um es den Auflagen entsprechend für die Aufstellung oder Montage vorzubereiten.

Für die Montage der Stele wurde in weiterer Folge ein „Stahlschuh“ in mehreren Schritten einbetoniert. In einem letzten gemeinsamen Kraftakt, diesmal bei Regen und daher ohne Kran, wurde das Glas in den Stahlschuh montiert. Im Frühling wird der Ort um die Bepflanzung erweitert und soll so schrittweise zu einem bewegten Ort der „Gemeinschaft aus der Kraft der Mitte“ werden.

Am Feiertag – Maria Empfängnis – Dienstag, 8. Dezember 2020 – wird die Gedenkstelle nach dem Pfarrgottesdienst am Friedhof in Dietach (im kleinen Rahmen und entsprechend der Covid-19 Bestimmungen) gesegnet und offiziell ihrer Bestimmung übergeben. Im Frühjahr 2021 wird die Platzgestaltung durch Bepflanzung und Anlage eines Kiesbeetes fortgesetzt.

Ein herzliches Dankeschön für das entgegengebrachte Vertrauen ergeht an die Pfarre Dietach und die Gemeinde Dietach, auch an die Glasmalerei Stift Schlierbach und an alle lieben Mitarbeiter_innen für die sehr gute und freundschaftliche Zusammenarbeit! Ich freue mich auf kommende Herausforderungen!